Leviathan - Die Gewalt des Stahls

Bernd Donabauer & Brigitta Fiesel

Quickinfo

  • 6. Mai 2021 bis August 2021
  • Öffnungszeiten – werktags 10 – 18 Uhr
  • wegen Corona: nur mit med. Maske, bitte Anmeldung im Büro des HUB31 /Links vom Eingang zur Ausstellung oder per Email art@lab3.org
  • Anmeldlung
  • Ort: HUB31, Hilpertstr. 31, 64295 Darmstadt
  • Anreiselink
  • kostenfrei
  • Midissage am Do., 8. Juli 2021 – 18:30 h
    PROGRAMM siehe unten
Anmeldung zur Vernissage mit externem Ticketing Connfair

Der Philosoph Thomas Hobbes hat seinem staatstheoretischen Hauptwerk, in Anlehnung an die biblische Figur, den Titel „Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens“ gegeben. Für Hobbes ist das mythologische Seeungeheuer Leviathan, vor dessen Pracht und Allmacht ein jedes menschliche Bemühen um Individualität zum Scheitern verurteilt ist, ein Sinnbild für den allmächtigen Staat. Bei Hobbes ist dieser allmächtige Staat die Voraussetzung für den gesellschaftlichen Frieden für alle, zum Preis der Aufgabe der Freiheit des Einzelnen.
Aufgelassene Industriebauten können im Sinne der Tradition der „Neuen Sachlichkeit“ als Denkmal einer nomadischen Industriearchitektur verstanden und fotografisch dokumentiert werden. Sie können allerdings auch als Mahnmal der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen für Männer, Frauen und Kinder und die rücksichtlose Ausbeutung natürlicher und gesellschaftlicher Ressourcen von der Allmacht der Verhältnisse im Industriekapitalismus angesehen, inszeniert und subjektiv interpretiert werden.
Umso mehr, da bei der Transformation des Industriekapitalismus zu einer Wissensgesellschaft in der westlichen Welt eines nicht vergessen werden darf: Während sich hier die Bedeutung der Artefakte der Schwerindustrie grundlegend gewandelt und einen musealen Charakter angenommen haben, sind diese Produktionsstätten, in denen frühkapitalistische Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse herrschen, mit der Globalisierung an einen anderen Ort gewandert.

Die vielleicht drängendste Frage unserer Zeit, wie wir auf den antropogenen Klimawandel reagieren, muss daher global betrachtet werden und diese Betrachtung ist zugleich untrennbar mit der sozialen Frage verwoben.
Brigitta Fiesel und Bernd Donabauer zeigen in ihrer konsequent subjektiven Arbeit die Ästhetik dieser vielfältigen, geradezu fraktalen Bedeutungsbrüche, die das Gleichzeitige des Ungleichzeitigen dieser Entwicklung verursacht.

Das durchgehende Motiv der aufgelassenen Industriebauten wird dabei ebenso vielfach gebrochen dargestellt und in ikonographische Zeichen für eben diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen verwandelt. Die Gegenständliche Darstellung löst sich in verschiedenen Graden der Abstraktion auf. Scheinbar statische, an einen Ort gebundene Objekte finden sich in einem Taumel der Bewegung wieder. Szenen der verführerischen Schönheit von Form und Farbe korrespondieren mit Szenen voller immanenter Gewalt. Textstellen aus dem Buch Hiob dienen zur subjektiven Interpretation.

Die Installation bietet in ihrer Subjektivität des Ausdrucks dem Betrachter keine leichtfertig formulierten Antworten an. Sie hinterlässt vor allem Fragen über die sicher geglaubte eigene Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

 

Vernissage Do. 8. Juli 2021 – 18:30 h – PROGRAMM

  • Einführung / Vorstellung art.LAB – Dr. Roland Lentz, Leiter artLab
  • Begrüßung – Prof. Dr. Klaus-Michael Ahrend , Geschäftsführer HUB31, Vorstand HEAG 
  • Laudatio – Frank Deubel, Macher der Wiesbadener Fototage und Kulturpreisträger von Wiesbaden, www.frankdeubel.eu/
  • Vorstellung der Künstler im Gespräch
  • Rundgang – Gettogether
Vorneweg, zwischendrin und danach

Künstlernamen

Künstler, Fotograf und Mentor

„Alles ist Licht, alles ist Farbe, alles ist Bewegung“
– lebt und arbeitet in der Rhein-Main-Region und auf Rhodos
– künstlerischer weg durch intensive Studien der klassischen Moderne
– 2009-2013 Mitglied der „The Good Eye Art Group“
– Zusammenarbeit mit Frank Deubel, Damon Papakiriakou und Andreas Kerstan

www.bernd-donabauer.de

Künstlerin, Fotografin und Kreativmentorin

1969 geb.
aufgewachsen im Ruhrgebiet
jetzt Wahlmainzerin

www.brigittafiesel.de

Laudatio zur Midissage LEVIATHAN von Brigitta Fiesel und Bernd Donabauer 08.07.2021
von Frank Deubel, GdPh, Macher der Wiesbadener Fototage und Kulturpreisträger von Wiesbaden

Liebe Brigitta, lieber Bernd, sehr geehrter Herr Dr. Lentz , sehr geehrte Damen und Herren!

ich habe sowohl Brigitta als auch Bernd im Rahmen der Wiesbadener Fototage kennengelernt die ich schon seit zwei Jahrzehnten mit  organisiere. Die Wiesbadener Fototage sind eines der wenigen jurierten Festivals bei denen sich Fotografinnen und Fotografen international zu einem ausgeschriebenen Thema bewerben können.

Dabei lohnt sich ein Blick auf den Grundgedanken das Manifest unseres Festivals:

„Künstlerische, hochwertige Photographie jenseits der Bilderfluten und des Mainstream einem größeren Publikum zugänglich zu machen.“

Ich versuche mich den beiden Photographen zunächst mit anderen Arbeiten als den hier ausgestellten anzunähern. Damit möchte ich ihre photographische Arbeitsweise für Sie verdeutlichen.

2017 lautete das Thema „Insight“ und Bernd bewarb sich mit der Arbeit: “Berührungsängste, – ein Porträt“ Seine Arbeit wurde damals in der Wiesbadener Kunsthalle ausgestellt.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie Bernds Arbeit bei der Diskussion innerhalb der Jury polarisierte…reduzierte SW-Portraits oftmals in Schatten überlagernd an Aufnahmen von Röntgenbildern erinnernd mit Schrauben im verletzten Körpern; in ihrer Reduktion an Floris Neusüss „Nudogramme“ erinnernd; keine ästhetisch „schöne“ Arbeit, eher verunsichernd… Fragen wie nach dem Versuch einer Traumaverarbeitung entstehen im Betrachter. Und vor allem: es bleiben Fragen im Betrachter zurück.. ; für mich ein Qualitätsmerkmal von herausragender Photographie überhaupt..

2019 lautete das Motto: „Grenzgang Photokunst“.

Wir hatten das Glück dass wir in der Kunsthalle eine ganze Gruppe Blinder Photographinnen und Photographen ausstellen konnten.

Brigitta bewarb sich mit ihrer Arbeit :

„Alter Ego“ eine hoch experimentelle Arbeit, bei der sie während des Aufnahmeprozesses mit einer Augenbinde fotografierte und erst später die Ergebnisse kontrollierte; was passiert jenseits jeglicher Motivkontrolle an Haltlosigkeit und auch an Bodenlosigkeit.

Die größtmögliche Einschränkung eines Photographen, völlige Blindheit führt gleichzeitig zur radikalen Befreiung von allen bildnerischen Einschränkungen.

Mit diesem kurzen Ausflug in Brigittas und  Bernds Bilderwelten wie sie sich mir dargestellt hatten, wird deutlich:

Beide betreten ungewohntes Terrain. Beide verstehen ihre Photographie immer als Experiment. Damit sind wir bei der von Otto Steinert in den 50er Jahren begründeten „Subjektiven Photographie“ auf die sich Brigitta und Bernd bei ihren Arbeiten immer wieder berufen.

Für mich ist das Bild „Ein-Fuß-Gänger“ von 1950 ein Schlüsselbild seines Werkes.

Steinert schreibt in seinem 2. Ausstellungskatalog als Reaktion des Bilderdiktates des Faschismus:

„Umso mehr fühlen wir uns verpflichtet.. alle Bemühungen zu fördern die aktiv und schöpferisch an der Synthese des gestalteten, zeitgemäßen Fotobildes zu arbeiten und ein echtes Verhältnis für die fotografische Bildqualität zu wecken“

Diese Aussage hat heute mehr denn je an Bedeutung gewonnen. Es ging und geht in der Subjektiven Photographie um kontrastreiche Abzüge, radikale Ausschnitte, abstrakte Strukturen und surreal wirkende Situationen.

Steinerts große Vorbilder waren Man Ray und vor allem Moholy-Nagy aus dem Bauhaus den 20er und 30er Jahre.

Immer wieder tauchen in den letzten Jahren Abhandlungen vom Ende der Photographie auf. Die Entwertung durch allgegenwärtige Verfügbarkeit; das ungesehene Verschwinden Millionen von Bildern auf Festplatten. Ja, das alles gibt es. Diese führen aber wenn wir uns die aktuelle Fotokunst anssehen

Dennoch zeigen Photographen wie Brigitta und Bernd Wege aus der Sackgasse; dabei bietet die Subjektive Photographie im Sinne Ott Steinerts einen Weg aus der Sackgasse..

In der Ausstellung: „Leviathan – Gewalt des Stahls“ haben sich Britta und Bernd das Industriedenkmal und Weltkulturerbe Völklinger Hütte als photographisches Subjekt ausgesucht.

Ein wichtiges Kriterium für die Qualität einer photographischen Arbeit stellt das „So noch nicht gesehene“ dar.

Ihnen allen wohlbekannt sind die Typologien von Hochöfen und anderen Industriedenkmälern desEhepaars Becher in Schwarz-weiß aufgenommen die einem bei dem Thema sofort in den Sinn kommen. Eine faszinierende bei uns untergegangene Welt…in anderen Ländern im Zuge  der Globalisierung natürlich nach wie vor vorhandene Welt…

Als ich die Arbeiten der beiden zum ersten Mal auf der ARTlab-Webseite sah ich sie mir gleich mehrmals hintereinander an das passiert mir eher selten…Was zog mich also in diese Photographien hinein?

 

Brigitta und Bernd zeigen uns aber kein monumentales Industriedenkmal sondern, bewegen die Kamera während des Aufnahmeprozesses..es entsteht der Eindruck von tanzenden Bildern..

Es ist die Leichtigkeit des Tanzes, die einem erfasst, taumeln läßtwenn man sich auf diese Photographien einlässt.

Kolosse gigantischen Ausmasses lösen sich in großer Leichtigkeit auf…; die Bilder wirken heiter fast zart und filigran, lassen nichts mehr von Schwere, Hitze und härtester Arbeit erkennen die dort einmal stattgefunden hat.

Die pastellige intensive Farbigkeit unterstreicht die heitere Wirkung. Die bewegte Kamera während des Aufnahmeprozesses hat einen weiteren Effekt: bei jeder einzelnen Aufnahme die sie hier sehen handelt es sich um nicht wiederholbare Photographien. Die Einzigartigkeit des photographischen Moments unterstreicht den Anspruch an subjektive Photographie.

Die unterschiedlichen Stadien der Auflösung möchte ich mit Ihnen gerne einmal genauer anschauen.

Der Hochofen auf diesem sehr flächig wirkende Photo scheint im Moment der Sprengung aufgenommen zu sein; man kann sich vorstellen, dass die Sprengladung gerade gezündet wurde; von einer ungeheuren Detonationswelle erfasst wird das Gebäude im nächsten Moment kollabieren.

Das  nächste Hochofenbild erinnert an zwei riesige gespreizte Schenkel, die Assoziation zu menschlichen Schenkeln liegt irgendwie  auf der Hand…aber auch hier ist das dokumentarische Bild gebrochen; das wird in den transparent wirkenden Streben deutlich…

Auf der dritten und vierten Photographie findet die Transformation der realen Situation durch eine spannende Lichtführung statt.

Helle Lichtflächen geben die Bildern eine große Tiefe; fokussierte Feinstrukturen und ruhige Flächen wechseln sich ab..

An Ende unseres kleinen Bildrundganges möchte ich mit Ihnen noch einen Blick auf ein Bild richten, bei dem die sich die Hochofenarchitektur völlig in unzähligen Linien aufgelöst an abstrakte Malerei erinnernd, jeglicher Gegenständlichkeit entledigt hat.

Bei diesen Impulsen möchte ich ich es nun belassen und vielleicht entdecken sie noch ganz andere Aspekte beim Betrachten der Arbeiten und stellen Sie ihre eigenen Fragen! Was immer Sie sehen lassen sie es zu .. es wird bereichernd sein! Mehr kann man von Kunst/Photokunst nicht erwarten..

Die Ausstellung ist eröffnet!